Vor zwanzig Jahren hat die DFG einen Forschungsschwerpunkt zum Themenbereich "Integration der Frauen in die Berufswelt" gefördert. Die in diesem Rahmen durchgeführten Studien erbrachten wichtige Befunde zu Fragen des Verhältnisses von Berufsmotivation und der Familienorientierung von Frauen. Inzwischen gibt es Anzeichen dafür, daß die gesellschaftliche Entwicklung solche Fragestellungen überholt hat. Ein Indikator dafür ist, daß sich Niveau und Struktur der Schul- und Ausbildungsabschlüsse von Frauen und Männern weitgehend angeglichen haben. Immer mehr Frauen werden auch für hochqualifizierte Berufe ausgebildet und melden Ansprüche an, diese auch auszuüben. Diese Ansprüche treffen derzeit auf eine sich dramatisch verändernde Struktur von Erwerbsmöglichkeiten, die in großen Feldern verengte Chancen und damit verschärften Wettbewerb impliziert.
Obwohl Berufe und Berufsrollen in modernen Gesellschaften explizit geschlechtsneutral gefaßt sind, verweisen Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung darauf, daß Strukturen und Positionen in Arbeitsorganisationen nicht nur sachlich und hierarchisch differenziert, sondern auch gendered, d.h. vergeschlechtlicht sind. Insbesondere in Professionalisierungsprozessen, die vom Interesse an der Regulierung des Zugangs (Ausbildung) zu professionell verfaßten Tätigkeiten sowie an der Exklusivität der Berechtigungen (Mandat und Lizenz) getragen sind, wurde in der Vergangenheit implizit und explizit in hohem Maße mit geschlechtsbezogenen Zuschreibungen operiert. Diese Mechanismen hatten für die beruflich organisierte geschlechtliche Arbeitsteilung einen zentralen Stellenwert, werden aber derzeit brüchig.
Die gesellschaftliche Bedeutung des Zugangs von Frauen in professionalisierte Berufe begründet sich vor allem aus der Stärke der Veränderungsimpulse, die von einer Erwerbstätigkeit von Frauen in diesem Sektor ausgehen. Frauen erschließen sich damit soziale Positionen, in denen Männer traditionell unter sich waren. Die Ausgangsüberlegung für den beantragten Forschungsschwerpunkt ist daher, daß diese Entwicklungen folgenreich auch für die sozialen Strukturen und Beziehungen in Arbeitsorganisationen sind. Gerade weil derzeit eine deutliche quantitative Zunahme von Frauen in hochqualifizierten, professionalisierten Berufstätigkeiten zu beobachten ist, bietet sich die einmalige Chance, deren qualitative Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Handlungsfeldern zu untersuchen, die eine zentrale Rolle im Kontext sozialer Transformationsprozesse spielen.
Die Prozesse sozialen Wandels erfassen Männer und Frauen und betreffen nicht nur die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, sondern das gesamte Arrangement der Geschlechter im Kern. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Fragestellung neue Anforderungen an die Interdisziplinarität in der forschenden Erschließung stellt, aber zugleich neue Chancen für theoretische Synthesen und Innovation eröffnet. Mit "Professionalisierung", "Organisation" und "Geschlecht" sind thematische Bereiche genannt, auf deren inneren Zusammenhang sich Forschungsprojekte aus unterschiedlichen Disziplinen - vor allem Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften, Geschichtswissenschaft - konzentrieren werden. Zugleich wird mit der Fokussierung auf Professionalisierungsprozesse ein Problemfeld beleuchtet, das für die wechselseitigen Zusammenhänge von gesellschaftlichem Wandel und Geschlechterverhältnissen besondere Aufschlüsse verspricht.
Prof. Dr. Beate Krais
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