Projekt "Entstehung und Geschichte betriebsinterner Arbeitsmärkte"


Das Forschungsprojekt zur Entstehung und Geschichte betriebsinterner Arbeitsmärkte wurde unter dem Titel "Entstehungsbedingungen und Formen betriebsinterner Arbeitsmarktstrukturen in der deutschen Industrie - eine historisch gerichtete soziologische Analyse von Arbeitsmarktstrukturen und -theorien" von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und von 1984 bis 1988 am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main durchgeführt. Die Studien hatten das Ziel, die Entstehung und Ausformung der einzelnen Elemente betriebsinterner Arbeitsmärkte im Zusammenhang mit der Herausbildung der großindustriellen Organisation und in Abhängigkeit von ökonomischen, politischen, sozialen und organisatorischen Einflußfaktoren in der deutschen Industrie zu untersuchen. Leithypothese war, daß typische Erscheinungsformen betriebsinterner Arbeitsmärkte sich in Deutschland schon ab der Jahrhundertwende entwickelt und in der Großindustrie in der Zwischenkriegszeit und im nationalsozialistischen Deutschland weiter ausgebildet haben; es sollte damit die Bedeutung innerindustrieller Einflußfaktoren gegenüber den in der theoretischen Diskussion meist in den Vordergrund gestellten sozialpolitischen Momenten aufgezeigt werden.

Mitglieder des Projektteams waren - teilweise in unterschiedlichen Zeiträumen - Helgard Kramer, Carola Sachse, Rudi Schmiede, Edwin Schudlich und Ulrike Stein-Schmiede; als Hilfskraft war zeitweise Vera Klinger beteiligt; Rudi Schmiede übernahm von Gerhard Brandt die Projektleitung. Neben den inhaltlichen Untersuchungen wurde zum Projektthema eine EDV-gestützte Literaturdokumentation erstellt, um die Projektarbeit zu unterstützen und die recherchierte Literatur aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und institutionellen Zusammenhängen als Projektergebnis verfügbar zu machen. Diese Dokumentation konnte an die schon zuvor in einer Untersuchung zur Arbeitszeitentwicklung und Arbeitszeitpolitik erstellte Literaturdokumentation zur Arbeitszeitfrage anknüpfen und aufbauen. Für beide Dokumentationen zeichnete U. Stein-Schmiede verantwortlich. Es ist geplant, diese Dokumentationen auch in gedruckter Form als Sonderband der vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung herausgegebenen "Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung" zu veröffentlichen.

Aus verschiedenen personellen und organisatorischen Gründen konnte die Untersuchung nicht in Frankfurt endgültig fertiggestellt werden. Nach- und Abschlußarbeiten zogen sich noch über mehrere Jahre hin. Nicht zuletzt mußte aufgrund der völligen Veränderung der EDV-Landschaft im letzten Jahrzehnt die Dokumentation sowohl in ihrer Daten- als auch in ihrer Programmdimension völlig neu aufgebaut und die Daten per Hand übertragen werden. Immerhin ist dadurch mittlerweile im Ergebnis das möglich geworden, was von Anfang an eine Zielsetzung des Projekts war: Die dokumentierten Literaturbestände können nun weltweit und in intuitiv zugänglicher Form im WWW von Interessenten recherchiert werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung, die auf eine in zugleich differenzierender Weise positive Bekräftigung der Leithypothese hinauslaufen, konnten daher nur sukzessive in mehreren - unter dem Gesamttitel "Studien zur Geschichte betriebsinterner Arbeitsmärkte in Deutschland" zusammengefaßten - Teilschritten präsentiert werden, die in der Form von Arbeitspapieren des Arbeitskreises Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF) veröffentlicht wurden bzw. werden:

Teil 1: Edwin Schudlich: Von der externen zur internen Arbeitsmarktpolitik. Zur arbeitsmarktpolitischen Rationalisierung des Produktionsprozesses um die Jahrhundertwende, Gelsenkirchen: SAMF-Arbeitspapier 1994-2

Teil 2: Carola Sachse: Werkswohnungsbau und betriebsinterne Arbeitsmarktpolitik in Deutschland von 1880 bis 1945, Gelsenkirchen: SAMF-Arbeitspapier 1994-3

Teil 3: Helgard Kramer: Interne Arbeitsmärkte in der I.G. Farbenindustrie AG während der zwanziger Jahre und der Weltwirtschaftskrise, Gelsenkirchen: SAMF-Arbeitspapier 1994-8

Teil 4: Rudi Schmiede: Die Verfestigung betriebsinterner Arbeitsmärkte in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im Erscheinen

Teil 5: Rudi Schmiede/Edwin Schudlich: Die Entwicklung betriebsinterner Arbeitsmärkte in Deutschland - Historische Perspektive und theoretische Fragen, im Erscheinen

Ergänzend soll noch auf folgende Veröffentlichungen hingewiesen werden, die als Teilergebnisse oder Zusatzarbeiten des Forschungsprojekts parallel oder schon früher publiziert wurden:

Gerade im Hinblick auf die Veränderungen, denen gegenwärtig die Betriebsorganisation und mit ihr die Personalpolitik und damit auch die Arbeitsmarktstrukturen in Deutschland unterliegen, kann der Rückblick auf die Entstehungsbedingungen und die Stabilisierungsformen interner Stammbelegschaften dazu beitragen, eine realistischere Einschätzung der Kontinuitätsbedingungen, aber auch der Gefährdungspotentiale für die heutigen internen Arbeitmarktsegmente zu gewinnen. Insofern mögen die hier vorgelegten Untersuchungen nicht nur von historisch-dokumentarischem Wert sein, sondern auch zur Erhellung der Gegenwart und ihrer Dynamik beitragen.

Das Forschungsteam dankt der DFG, insbesondere Frau Helga Hoppe und den beteiligten Gutachtern, für die Förderung der Untersuchung und die lange währende Geduld bis zu ihrer endgültigen Fertigstellung. Es dankt auch dem Institut für Sozialforschung für die Unterstützung der Projektarbeit. Last but not least bot der Arbeitskreis SAMF einen organisatorischen Rahmen für die Herstellung eines breiten, fachübergreifenden Diskussions- und Arbeitszusammenhangs; und er ermöglichte schließlich die Publikation der Ergebnisse der Untersuchungen. Auch dafür ist zu danken.


Rudi Schmiede

Darmstadt, im Juli 1996