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Graduiertenkolleg
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* Geb. 1971 in Bielefeld. 1990-91 Studium generale im Leibniz Kolleg
Tübingen. Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und VWL in Freiburg
im Breisgau. August 1995- März 1996: Russischsprachstudium und Praktikum
beim deutschen Fernsehsender "ntv" in Moskau. Magisterabschluß
1998. Arbeit bei Radio Dreyeckland (Öffentlichkeitsarbeit und Redaktion
eines Nachrichtenmagazins). Seit 1997 Mitarbeit im Teilprojekt "Naturale
und artifizielle Alteritäten" des DFG-Sonderforschungsbereichs
"Identität und Alterität"(www.phil.uni-freiburg.de/SFB541/C1/index.html).
anuar 2001 bis Dezember 2003 Stipendiatin, seit Januar 2004 assoziertes
Mitglied im Graduiertenkolleg Technisierung und Gesellschaft.
Schwerpunkte: Biotechnologien, Science Fiction und Populärkultur, Ideologiekritik.
Mitgliedschaften: Seit 2000 Mitglied der "Sektion Kultursoziologie"
der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Seit 2002 Mitglied des "Postgraduate
Forum on Genetics and Society" (PFGS)..
E-Mail: A.zurnieden@web.de
[Zurück nach oben]Ich gehe im Forschungsprojekt der Frage nach, wie die Praxis der Verwendung
von Gentests in der Medizin den Menschen als Subjekt seiner Gene konzipiert.
Ausgangspunkt ist die These, dass Krankheit ein Problem für das bürgerliche
Subjekt darstellt, das das Verhältnis von Geist und Körper als Subjekt/Objekt-Verhältnis
faßt. Da die Geschichte der Zivilisation auch eine Geschichte der Kontrolle
über den Körper ist, stellt jede Krankheit zunächst einen Kontrollverlust
dar. Hier wird das „Subjekt Geist“ zum Objekt seines Körpers, denn Krankheit
ist eine Erfahrung von Ausgeliefertsein. Die moderne Medizin läßt sich
als Versuch verstehen, den Körper wieder als Objekt in den Griff zu
bekommen, Krankheit und Vergänglichkeit – so scheint das Fernziel –
letztlich zu überwinden.
Gerade Gene als das, was man (noch) nicht beeinflussen kann, scheinen
eine neue Naturverfallenheit in die Medizin einzuführen. Heute findet
man aber im gesellschaftlichen Gen-Diskurs – im Unterschied zur alten
Eugenik, die nur Zucht und Auslese kannte - permanent gleichzeitig die
Aufforderung, seine Gene individuell zu managen, also sich aufgrund
der eigenen genetischen Ausstattung als Risikoperson für bestimmte Krankheiten
zu begreifen und bestimmte präventive Verhaltensweisen zu entwickeln,
die das Auftreten der Krankheiten verhindern.
Konkret habe ich dieses Phänomen am Beispiel der prädiktiven Diagnostik
für die sogenannten Brustkrebs-Gene BRCA 1 und BRCA 2 untersucht; ein
Beispiel, das vorwegnimmt, was in Zukunft Standard in der Krebsprävention
werden könnte:
Im Rahmen einer umfangreichen Studie der deutschen Krebshilfe "familiärer
Brust- und Eierstockkrebs" werden an 12 universitären Zentren gesunden
und an Brustkrebs erkrankten Frauen aus „Hochrisikofamilien“ Gentests
für Mutationen in den beiden Genen angeboten, die mit einer erhöhten
Wahrscheinlichkeit für Brust- und Eierstockkrebs in Verbindung gebracht
werden. Bei einem positiven Testergebnis werden den Frauen verschiedene
Maßnahmen angeboten (prophylaktische Operationen, Anti-Hormonstudie,
intensivierte Früherkennung, außerdem allgemeine Lebenstilemfehlungen
wie „Obst und Gemüse essen“, Sport, nicht rauchen), deren Wirksamkeit
jedoch größtenteils entweder nicht nachgewiesen oder eher gering ist.
Ich analysiere im Forschungsprojekt mithilfe qualitativer Untersuchungsmethoden
Fachliteratur und Richtlinien, Selbstdarstellungen und Informationsmaterialien
der Studie, humangenetische Beratungsgespräche sowie eigene Interviews
mit humangenetischen Ärzten und Ärztinnen und Frauen, die selbst nicht
krank sind, aber im Rahmen der Studie einen Gentest gemacht haben. Ziel
ist es, kritisch zu rekonstruieren, in welcher Weise das Gen als maßgeblicher
Krankheitsindikator so plausibilisiert wird, dass der Appell, sich als
"genetisch belastet" zu begreifen und entsprechend zu handeln,
wirkt. Dabei wird deutlich, welche Widersprüchlichkeiten und Zumutungen
die Aufforderung für die Frauen mit sich bringt, zum Subjekt ihrer Gene
zu werden und sich in voller Aufgeklärtheit über die eigene Genausstattung
nach Maßgabe eines Risikokalküls selbst zu managen.