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Graduiertenkolleg
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*1975 in Darmstadt. 1996 Beginn des Studiums der Philosophie, Soziologie,
Germanistik und Geschichte an der TU Darmstadt. Fortsetzung des Studiums
an der FU Berlin. Abschluß an der TU Darmstadt. Mehrere Semester
studentische Hilfskraft. Magisterarbeit: Das
Versöhnte Subjekt. Zur Intimität von Macht und Freiheit in
Psychoanalyse und kritischer Theorie. Seit April 2003 Stipendiat
des Graduiertenkollegs. Redakteur Technik- und Wissenschaftsphilosophie
der Onlinezeitschrift Sic et Non.
E-Mail: kaminski@ifs.tu-darmstadt.de
[Zurück nach oben]Motivation und Zielsetzung
Das Motiv des Projektes war, den Blick auf den Zusammenhang von Zeit
und Technik zu verschieben und zu erweitern. Viele bisherige Arbeiten
zu diesem Thema liefen auf eine technikinduzierte Beschleunigung von
Gesellschaft und also Zeitverknappung hinaus.
Im Gegensatz dazu war es Ziel, die Diskussion von Technik und Zeit zu
mehr Phänomenen zu führen und entsprechend sowohl generellere
als auch spezifischere Beschreibungsfelder zu erschließen. Darauf
zielte die Suchform Technik als Erwartung ab. Sie trat einen
Schritt hinter die Dynamisierungsthesen – die einerseits perspektivisch
eng führen, gleichwohl andererseits als Modernisierungsemblem eigentümlich
abstrakt bleiben – zurück und sollte sich als deskriptiv
sensibler und spezifizierbarer erweisen.
Methodik und Gliederung der Arbeit
Dazu wurden in begriffsgeschichtlich begleiteten phänomenologischen
Verfahren unterschiedliche Erwartungsformen von Technik erschlossen.
Als solche zeichneten sich ab: Technik als – Vertrauenserwartung,
als Potenzialerwartung, als Handlungserwartung, als Funktionierbarkeitserwartung.
Und daraus ergab sich auch die Gliederung der Arbeit in diese vier Hauptbereiche.
Eingeleitet wurden diese in Form einer Exposition durch eine Interpretation
des Erzählfragments »Der Bau« von Franz Kafka, in dem
sich verschiedene technische Erwartungsformen verdichten.
Im Kapitel zu Vertrauens- und Misstrauenserwartungen waren
drei Fragen treibend: Entweder wird in der Literatur die Möglichkeit
von Technikvertrauen einfach vorausgesetzt, oder es wird schrittweise
auf Vertrauen in ExpertInnen zurückgeführt Dadurch ergab sich
die Frage: Inwiefern kann Technik selbst vertraut werden – und
nicht bloß technischen ExpertInnen. Die sich anschließende
Frage nach der Funktion von Technikvertrauen teilte sich in zwei Fragen
auf: die nach dem Verhältnis von Vertrauen und Risiko und die nach
dem Verhältnis von Vertrauen und Nichtwissen – als den beiden
Problembezügen von Technikvertrauen.
Die Riskanz neuer Technologien leitete über zu einem weiteren Thema
und Kapitel von Technik als Erwartung: Potenzialerwartungen,
welche mit neuen Technologien verbunden sind – Verheißungs-
oder Verhängniserwartungen, welche durch neue Technologien induziert
werden. Eine wichtige Frage hier war: Wodurch genau stimuliert Technik
so ungeheure Potenzialerwartungen? Die Annahme, dass es die Erfolge
früherer Technologien, die Erfahrungen des technischen Potenzials
selbst sind, so die Vermutung, bedenkt nicht, dass die neue Technologie,
wenn sie erst einmal eingeführt ist, nicht bloß enttäuschen
kann, sondern in der Unmerklichkeit verschwindet. Dadurch ergab sich
einerseits ein zu befragender Zusammenhang von Potenzialerwartungen
und Vertrautheit. Andererseits war damit die Fährte eines anderen
Erwartungstyps aufgenommen.
Denn mit Vertrautheit öffnete sich ein weiteres Feld diverser Erwartungstypen,
die sich im Handlungsraum zu Praxiserwartungen verdichten.
Damit Individuen und Technik handelnd zusammenspielen können, müssen
Erwartungen ausgebildet und antizipativ eingebracht werden. Wo sind
diese aber zu verorten? Erwarten nur Individuen? Oder antizipiert auch
Technik das Verhalten der Individuen? Und welche Synchronisationsleistungen
müssen dabei eventuell von beiden erbracht werden?
Im den Hauptteil abschließenden Kapitel über Funktionierbarkeitserwartungen
wurden verschiedene Stränge wieder aufgenommen, insofern sie von
einer gemeinsamen Voraussetzung ausgehen. Im Handlungsgeschehen wie
auch in den Potenzialzuschreibungen und im Vertrauen auf Technik wird
eine relativ grundlegende Erwartungsform vorausgesetzt: dass Technik
überhaupt – unabhängig von aktuellem Scheitern –
zum Funktionieren gebracht werden kann. Damit eröffnete sich ein
schwer zu fassendes Beschreibungsfeld: Wie sind Funktionierbarkeiterwartungen
zu bestimmen? Und für welche Phänomene sind sie besonders
kennzeichnend?
Ergebnisse
Die Ergebnisse des Projektes sind zum einen in einer Reihe von Korrekturvorschlägen und Aufmerksamkeitsverschiebungen aktueller Technikdiskussionen zu finden, zum anderen in einer Reihe von Begriffen und Figuren, die gebildet wurden. An Ergebnissen des Projektes sind im Detail zu nennen:
Vertrauenserwartungen – In Bezug auf die Frage nach der
Möglichkeit von Technikvertrauen konnte gezeigt werden, wie sich
in neuzeitlichen Kausaltheorien, methodologischen Anweisungen und Experimenten
eine sehr viel komplexere Geschichte des Verhältnisses von Kausalität,
Vertrautheit und Vertrauen abzeichnet, als es die Rezeptionsgeschichte
erinnert. Die verbreitete Kontradiktion Vertrauen vs. Kausalität/Mechanik,
welche Techniktheorien, aber vor allem Vertrauenstheorien heute konnotiert,
konnte so als moderne Simplifikation erwiesen werden. Vor diesem Hintergrund,
aber auch in der Distanz zu diesen neuzeitlichen Ansätzen wurde
die Möglichkeit von Vertrauen in Technik pragmatisch nachvollzogen.
– Der Risikobezug von Vertrauen erwies sich als paradox, und entlang
dieser Paradoxie ergab sich sowohl eine Beschreibungsskizze von Vertrauen
als auch ein Hinweis auf seine Funktion: Vertrauen ist auf Risiko bezogen,
inhibiert es aber zugleich; kein Vertrauen ohne Risiko, das aber gleichzeitig
als nicht riskant gilt. – Eine metaphergeschichtliche Untersuchung
von Nichtwissen führte auf den Befund, dass Nichtwissen häufig
als (zumeist territorial) ubiquitär metaphorisiert wird. Vertrauen
führt dagegen, so konnte gezeigt werden, einen anderen Möglichkeitsbegriff
mit sich, der Nichtwissen systematisch begrenzt.
Potenzialerwartungen – Mit Wittgensteins Theorem der
›Angelsätze‹ konnte ein begrifflicher Ansatzpunkt gefunden
werden, um eine Antwort auf die Frage zu entwerfen: Wie entstehen technologische
Potenzialzuschreibungen? Dabei zeigte sich, dass Wittgenstein damit
ein Phänomen anvisierte, das zwischen den neuzeitlichen Begriffsregistern
lokalisiert ist: Angelsätze bezeichnen Sachverhalte, die nicht
analytisch-logisch sind, dennoch erscheinen sie nicht als kontingent,
sinnvoll bezweifelbar etc. Dies erwies sich als hilfreich zur Rekonstruktion
von Potenzialzuschreibungen: Neue Technologien suggerieren (oder praktizieren)
die Aufhebung dieser äußerst vertrauten, selbstverständlichen
Annahmen, an die sich zahlreiche Praktiken und andere Selbstverständlichkeiten
anschließen, so dass mit ersteren auch letztere fraglich werden,
wodurch sich mit Wucht ein Vakuum auftut. – Davon ausgehend konnte
entlang der Differenz von Angst und Furcht ein Modell en miniatur entwickelt
werden, um Technologiekonflikte zu rekonstruieren. – Ferner konnte
eine Aufmerksamkeitsverschiebung des Zusammenhangs von Technologie und
Einbildungskraft plausibilisiert werden: dass für die Phantasie
das Verpassen der Chance, eine Technik zu nutzen (etwa durch Verbot),
vielleicht ebenso entscheidend ist wie die Möglichkeit, sie zu
nutzen.
Handlungserwartungen – Für die alltägliche
Praxis konnte gezeigt werden, wie Technik im Handlungskontext vor allem
als Anschlusserwartung eine Rolle spielt; wobei Erwartungsbildung auf
beiden Seiten, auf der der Individuen als auch auf der der technischen
Dinge, geleistet werden muss. – In diesem Zusammenhang stellte
sich heraus, dass der Begriff ›Grenze‹ eine bedeutende temporale
Dimension besitzt: Technik muss Grenzen bilden, die nicht bloß
kausal oder informationell, sondern auch temporal abschließen
und verdichten und so zu divergierenden Zeitlichkeiten mitsamt Synchronisationsanforderungen
führen. – Schließlich konnte gezeigt werden, wie sich
das Phänomen Zeitknappheit vor diesem Hintergrund neu rekonstruieren
lässt: als Erwartungsdichte.
Funktionierbarkeitserwartungen – Die Eigenständigkeit von
Funktionierbarkeitserwartungen konnte dadurch dargelegt werden, dass
diese sich von bloßen Funktionserwartungen unterscheiden, indem
sie unabhängig voneinander negierbar sind: Funktionserwartungen
können enttäuscht und aufgegeben werden, ohne dass
Funktionierbarkeitserwartungen dadurch betroffen wären – es kann weiterhin erwartet, dass Technologien, wenn sie auch jetzt nicht funktionieren, doch zum Funktionieren gebracht werden können. Funktionierbarkeitserwartungen zeigen daher eine besondere Form von Stabilität. – Die Relevanz dieser Erwartungsform konnte schließlich sowohl in Detailskizzen für die Phänomene Tüfteln und Werkeln (oder Organisieren) erwiesen werden als auch für jenen großen Bogen der Herausbildung einer technischen Avantgarde in der neuzeitlichen Experimental- und Erfinderzeit.
[Zurück nach oben]Schwerpunkt Systemtheorie, Phänomenologie, Zeittheorie.In: Journal Phänomenologie 24/2005.
Technik als Erwartung. In: Dialektik 2004/2, S. 137-150.
Nichtwissen im Überfluss? Einige Präzisierungsvorschläge im Hinblick auf Nichtwissen und Technik. In: Gerhard Gamm, Andreas Hetzel (Hg.): Unbestimmtheitssignaturen der Technik. Eine neue Deutung der technisierten Welt. Transcript Verlag 2005, S. 183-200.
Systemtheorie, Phänomenologie, Zeittheorie – Zur Einleitung. In: Journal Phänomenologie 24/2005, S. 4-12.
Mensch – Leben – Technik(Internationale Tagung der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Forschung 2003). In: Journal Phänomenologie 20/2003, S. 68-73.