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Graduiertenkolleg
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Das Graduiertenkolleg Technisierung und Gesellschaft
arbeitet im Feld geistes- und sozialwissenschaftlicher Technikforschung. Das bedeutet, dass nicht die Technik selbst Thema ist, sondern vielmehr menschliche Verhaltensweisen, Handlungs-, Denk- und Organisationsformen, insofern sie technisiert werden. Um Technisierungsprozesse erfassen zu können, wird von einem Technikbegriff ausgegangen, nach dem Technik nicht einfach eine Kenntnisweise oder die Regel zweckrationalen Handelns bedeutet; von Technisierung wird vielmehr gesprochen, wenn Technik als materielles Dispositiv in menschlichem Verhalten, sei es nun Wahrnehmung, Denken, Handeln oder Organisation strukturbildend ist.
Die einzelnen Forschungsaufgaben werden grundsätzlich interdisziplinär definiert. Durch die Art des Ausbildungsprogramms soll eine hohe Integration der Forschungsgruppe erreicht werden und eine wechselseitige Befruchtung der aus verschiedenen Disziplinen und Forschungstraditionen stammenden Teilnehmer. Das Ausbildungsprogramm muss deshalb sicherstellen, dass es für alle Graduierten eine Fortbildung in wissenschaftlicher Methodologie enthält. Da die Forschungsgegenstände Entwicklungsprozesse sind, wird bei allen Untersuchungen die historische Dimension eine Rolle spielen.
Das Graduiertenkolleg setzt sich zum Ziel, durch seine Forschungen zur Aufklärung der Frage, was es bedeutet, dass wir in der technischen Zivilisation leben, beizutragen. Es will einen Beitrag zur Bewusstmachung aktueller Umbrüche leisten, um, soweit das die Wissenschaft kann, Voraussetzungen für eine politisch-moralische Regelung dieser Prozesse zu schaffen.
Ab dem 1. Januar 2003 bis zum 31. Dezember 2005 tritt das Kolleg in seine 3. Förderungsphase. Damit ändert sich auch die Ausrichtung des Kollegs:
[Zurück nach oben]Die Technik wird in den laufenden und geplanten Forschungen des Graduiertenkollegs weder als isolierter Gegenstand (sei es nun als eine bestimmte Technologie, als ein technisches System, oder als Techniker-Community) noch als Parameter oder Faktor, der dann in Wechselwirkung mit anderen nichttechnischen Parametern oder Faktoren steht, betrachtet. Vielmehr geht es, wenn Technisierung erforscht werden soll, um Technik in Kunst und Literatur, Technik im menschlichen Selbstverständnis, Technik in Stadträumen, Technik in Bildung und Wissen, Technik in Arbeit und Organisation. Es geht – kurz gesagt – um Technik als strukturbildendes Moment von Gegenständen, Zusammenhängen und Entwicklungen. Diese Akzentuierung schließt gleichwohl den umgekehrten Blick nicht aus: Inwieweit wirken Veränderungen in Kunst und Literatur, im Selbstverständnis, im urbanen Leben, in Bildung, in Arbeit und Organisation, selbst strukturierend in Technisierungsprozesse hinein? Durch gesellschaftliche Aneignungsprozesse verändern sich nämlich nicht nur die beteiligten Akteure und ihr jeweiliger Kontext, sondern auch die Technik selbst. Traditionelle Untersuchungsgegenstände der Sozial- und Geisteswissenschaften werden also darauf hin befragt, inwiefern und inwieweit sie selbst die Technisierung hervorbringen.
Unter den vielfältigen Möglichkeiten, den gegenwärtigen Zustand westlicher Gesellschaften zu charakterisieren – kapitalistische Gesellschaft, Spätmoderne, Risikogesellschaft, Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft –, dürfte die Charakterisierung als technische Zivilisation am neutralsten und im gewissen Sinne als grundlegend anzusehen sein. Neutral ist die Charakterisierung, weil sie relativ unabhängig vom jeweiligen politischen System und den gesellschaftlichen Verhältnissen ist und grundlegend , weil sie sich auf Grundstrukturen des Gesellschaftlichen und des Humanen überhaupt, d.h. des Verhältnisses des Menschen zu sich selbst und zu anderen bezieht. Durch Technik wird mitbestimmt, was heute Politik, Verkehr, soziale Beziehung, Wahrnehmung, Kommunikation, Denken, Wissen und Literatur ist. Die Technik verliert in dieser Hinsicht ihren Mittelcharakter und wird zu einem Strukturmoment von Politik, Verkehr, Wahrnehmung, Denken, Wissen und Literatur. Das führt einerseits zu einer Technisierung der Kultur, kann aber auch andererseits zu einer Kultivierung
der Technik führen. Damit ist gemeint, dass menschliches und gesellschaftliches erhalten, das traditionell durch Normen, Riten, Symbole und Bilder geprägt und geregelt wurde, nun seine Gestalt mehr und mehr durch technische Standards und Muster erhält; sich umgekehrt aber auch Elemente dieser Kultur in den Techniken selbst wiederfinden. Kultur also, die Gestalt und Technik beeinflusst.
Dieser Prozess der wechselseitigen Durchdringung von Technik und Kultur gesellschaftlicher und humaner Zusammenhänge, der für die technische Zivilisation charakteristisch ist, hat eine globale Bedeutung. Die Beobachtung, dass sich weltweit die technische Zivilisation bei gleichzeitigem Fortbestehen kultureller Differenzen durchsetzt, dürfte nicht nur Faktoren der politischen und ökonomischen Macht geschuldet sein, sondern auch jener Neutralisierung, die durch die Technisierung gesellschaftlichen und menschlichen Verhaltens zustande kommt.
Technik ist ein Terminus mit durchaus changierenden Bedeutungen. Man sollte für ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben diese Vieldeutigkeit auf jeden Fall beibehalten. Dies gilt insbesondere für den vorliegenden Antrag des Graduiertenkollegs, bei dem die Teilnehmer(innen)perspektiven der Bearbeiter(innen) in den Bereichen gesellschaftlichen Handelns relevant sind. Denn gerade auf Grund seiner Mehrdeutigkeit im alltäglichen Gebrauch kann der Technikbegriff individuelle und kollektive Erfahrungen in spezifizierte wissenschaftliche Fragestellungen umsetzen. Wir möchten hervorheben, dass die im letzten Fortsetzungsantrag eingeführte Definition, Technik als materielles, aber auch zunehmend informations- und wissensgeprägtes Dispositiv
, von mehreren Doktorand(inn)en produktiv und kreativ aufgenommen worden ist.
Da der Begriff des Dispositivs in die Technikforschung (noch) keinen allgemeinen Eingang gefunden hat, erfordert seine Verwendung eine kurze Erklärung. Erstens ist hervorzuheben, dass damit versucht wird, uns von traditionellen Vorstellungen von Technik als einfache Gegenstände – etwa Instrumente, Geräte und Apparate – zu lösen. Zweitens ist es in den Arbeiten des Kollegs von zentraler Bedeutung, den gesellschaftlichstrukturierenden Charakter der Technik herauszuarbeiten. Im Graduiertenkolleg wird die Technik m.a.W. nicht als rationelles Mittel behandelt, sondern eher im Sinne eines Habitus, eines Mediums, einer Infrastruktur. Nicht einzelne Geräte stehen im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses, sondern die Technostrukturen der Gesellschaft und des menschlichen Handelns bzw. Technik im Sinne großer technischer Systeme. Ein Forschungsthema, das sich daraus ergibt, betrifft die Prozesse, wodurch eine Gesellschaft sich solche Strukturen und Systeme zu eigen macht, d.h. wie eine Kultur sich die Technik aktiv aneignet und domestiziert.
Wenn wir Technik als ein Dispositiv konzipieren, ist für die jeweiligen Einzeluntersuchungen der Gegenstand zu spezifizieren, wodurch er jeweils formiert und in seinen Möglichkeiten eingeschränkt wird. So kann man etwa von Technik als einem Wahrnehmungsdispositiv reden, demzufolge existierende Technik formiert, was heute als Wahrnehmung möglich ist. Oder man kann von Technik als einem gesellschaftlichen Dispositiv reden, in dem Sinne, dass Technik als gesellschaftliche Infrastruktur existiert, die das Leben und Zusammenleben der Menschen strukturiert. Zugleich sprechen wir in erster Linie von materiellen Dispositiven, allerdings ohne den informations- und wissensgeprägten Charakter der Technik aus den Augen zu verlieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig von materiell
zu reden, weil dadurch Technik als Dispositiv von anderen Dispositiven, vor allem diskursiven , unterschieden wird. Der zweite Grund, warum wir von materiellen Dispositiven reden, besteht darin, dass es für unsere Arbeit darauf ankommt, die kulturelle Bedeutung von Technik herauszuarbeiten, gerade insofern Technik mit dem zusammenhängt, was in den menschlichen Köpfen
vorgeht, und wie sie von unserer Sprache behandelt wird. Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle, dass der Begriff des Dispositivs nicht als eine Öffnung zum Technikdeterminismus verstanden werden soll. Die Technik tritt nicht als eindeutig bestimmender Faktor hervor, sondern als strukturierender. Technik zeigt gegenüber ihren Nutzer(inne)n eine gewisse Trägheit; sie ist als materielles Dispositiv ein Bestand, von dem auszugehen ist. Wegen dieser faktischen Existenz von Technik ist es möglich, dass technische Einrichtungen, die von einer Generation zu bestimmten Zwecken geschaffen wurden, für die nächste Generation quasi als Rahmenbedingung ihrer Entwicklungen vorliegen, jetzt anders als intendiert genutzt werden. Ein aktuelles Beispiel ist die außerordentliche Bedeutung des Internets, das ursprünglich zur militärischen Informationsübermittlung geschaffen wurde und heute verstärkt dem kommerziellen und privatem Informationsaustausch dient. Aufgrund der faktischen Existenz von Technik ist es ferner möglich, dass sich Technik auch dort strukturbildend auswirkt, wo sie gar nicht zur Anwendung kommt. Der Grund liegt darin, dass sich an solcher Technik die Vergesellschaftlichung vollzieht, bzw. dass sie als Modell für Vorstellungen in anderen Gebieten Verwendung findet. Ein klassisches Beispiel für diesen Zusammenhang ist die Ausbildung von Sehgewohnheiten und Theorien des Sehens vor dem Hintergrund optischer Geräte.
Die Absicht des Graduiertenkollegs lässt sich damit so formulieren: Es gilt Technik als Dispositiv für gesellschaftliche Organisation, kulturelle Prozesse und menschliches Verhalten, als Wahrnehmungsdispositiv, als Wissensdispositiv, als Textdispositiv etc. zu untersuchen.
Die Grundthese des Graduiertenkollegs besagt, dass sich seit dem 20. Jahrhundert ein zivilisatorischer Wandel vollzieht, der darin besteht, dass ehemals zweckgebundene, materielle Mittel zu solchen Dispositiven werden. Als Mittel spielten technische Gegenstände und Einrichtungen zwar immer eine Rolle, und doch war es Norbert Elias noch möglich, den Prozess der Zivilisation fast ohne Rücksicht auf Technik darzustellen. Das wäre heute nicht mehr möglich. Auf Grund der zivilisatorischen Bedeutung von Technik rechtfertigt es sich, unseren zivilisatorischen Zustand mit dem Titel technische Zivilisation zu bezeichnen. Die Arbeit des Graduiertenkollegs geht damit deutlich über ältere Bestimmungen der technischen Zivilisation etwa durch Max Weber und Jacques Ellul hinaus, in denen unter Technik Rationalisierung oder effizienzsteigerndes Regelsystem verstanden wurde; Technik wird zum Strukturmerkmal von Zivilisation und Gesellschaft selbst.
Obgleich im Graduiertenkolleg vornehmlich Technik in ihrer Bedeutung für Phänomene behandelt wird, die traditionell den Geistes- und Sozialwissenschaften angehören, wird doch auch immer die Technik selbst Thema sein müssen. Denn es ist zu vermuten, dass mit der zivilisatorischen Rolle der Technik eine Rückwirkung auf die Entstehung und Entwicklung neuer Techniktypen zu erwarten ist. Deswegen ist es erfreulich, dass das Graduiertenkolleg – im Übereinstimmung mit den Vorschlägen der DFG-Gutachter(innen) – für die dritte Phase einen Ingenieur einbinden konnte. Eine Hauptthese des Graduiertenkollegs wäre hier das Vordringen von Unbestimmtheit in der Technik im Sinne eines mehr universalistischen Charakters, wie er für die Informationstechnik herausgearbeitet worden ist. Auch die Technik, die lange Zeit als Synonym für Eindeutigkeit und Exaktheit, konstruktive Transparenz und Funktionalität gegolten hat (die, weil man die realen Mechanismen kannte, in allen Teilen als plan- und kontrollierbar galt), sieht sich heute auf verschiedenen Ebenen mit Fragen ihrer Unbestimmbarkeit konfrontiert. Indeterminiertheit, Unberechenbarkeit, Ambivalenz, evolutionäre Risiken, Nebenfolgen, Akzeptanzprobleme sind nur einige Stichworte, die das Reflexiv- und Unbestimmtwerden der Technologieentwicklung begleiten. Sie betreffen die Technologien selbst wie auch ihre zukünftigen Folgen.
[Zurück nach oben]Die Technik ist in unserem Zeitalter den Menschen gewissermaßen auf den Leib gerückt. Die Eingriffstiefe technischer Manipulation reicht mit der Gentechnik bis in die genetische Ausstattung des Menschen. Die Möglichkeiten der Gentechnik, Reproduktionsmedizin, der Transplantations- und Prothesentechnik machen es heute fraglich, was am Menschen noch als Natur, d.h. als gegeben und hinzunehmen angesehen werden kann. Theorien, die vor allem aus dem Bereich der Wissenschaftsforschung stammen, zielen darauf ab, die klassische Differenz von nur Natur auf der einen Seite, Technik, Kultur, Zivilisation etc. auf der anderen Seite weitgehend aufzuheben. Der Mensch sei als Hybrid zu begreifen (Bruno Latour) oder als Cyborg (Donna Haraway). Der fortschreitenden Vermischung technischer und organischer Bestandteile im menschlichen Körper entspricht ein zunehmendes Organischwerden auf Seiten technischer Geräte. Hier wird versucht, die Leistungen, die Fähigkeiten, die sensorischen Qualitäten etc. des Menschen zu reproduzieren (künstliche Intelligenz) bzw. Lebewesen zu simulieren, sei es nun in ihren Funktionen oder in ihren Erscheinungsweisen.
Solche Prozesse der Artefaktibilisierung des Menschen und der Anthropomorphisierung der Technik stellen eine Herausforderung an das Selbst- und Weltverständnis des Menschen dar. Einerseits dient die Technik als Medium der Welterschließung dazu, den Menschen wie ein Artefakt durchsichtig zu machen und zu verstehen; andererseits erzeugt sie dadurch ein Bild des Menschen, das eine rein wissenschaftlich-technische (oder naturalistische) Abmessung nahe legt. Es soll untersucht werden, auf welche Weise in den alltäglichen, wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Selbstverständigungsdiskursen auf diese fortschreitende Technisierung des Menschen und seiner Lebensbereiche reagiert wird, und ob durch diesen Prozess die Menschenwürde und die Menschenrechte bedroht sind.
[Zurück nach oben]Bildende Kunst, Musik, Theater und Literatur bilden für Untersuchungen von Technisierungsprozessen ein besonders geeignetes Beispielfeld, denn hier haben wir es mit kulturellen Bereichen zu tun, die durch jahrhundertelange Traditionen in sich gefestigt und materiell gewissermaßen abgeschlossen erschienen: Innovationen waren hier eigentlich nur als solche des Sujets, des Stils, der Manier zu erwarten. Demgegenüber hat sich im 20. Jahrhundert in den Künsten und in der Literatur jedoch ein Einbruch von Technik vollzogen –Technik hier im Sinne des Graduiertenkollegs verstanden als materielles Dispositiv –, der zu tiefgreifenden Veränderungen geführt hat, und dessen Auswirkungen noch immer nicht hinreichend abschätzbar sind. In der bildenden Kunst haben sich mit Fotografie, Fernsehen, Video, Computer und Netztechnologien geradezu medienspezifische Kunstrichtungen herausgebildet. Das hat einerseits die innere Reflexion von Kunst, die seit den Avantgarde-Bewegungen ohnehin zu einem zentralen Thema der Kunstproduktion selbst geworden war, auf einem neuen Niveau fortgesetzt und auf der anderen Seite auch auf die klassischen Gattungen zurückgewirkt – man denke nur an die Beziehungen von Fotografie und Malerei. In der Musik ist die Erweiterung des Tonmaterials, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts durch Schönberg eingeleitet worden war, durch die Techniken von Aufnahme und Wiedergabe, der Technik des Samplings und des Synthesizers praktisch auf beliebige akustische Phänomene ausgedehnt worden. Die Wiedergabetechniken haben die Musik, die traditionell als Zeitkunst erschien, auch zu einer Kunst der räumlichen Gestaltung akustischer Phänomene werden lassen. Die Wiedergabetechniken haben zudem zu einer bedeutenden Steigerung und Erweiterung der Musikrezeption geführt – von der solitären Musikerfahrung im virtuellen-akustischen Raum mit dem Kopfhörer bis hin zu leibdynamischen Massenerfahrungen in Techno-Raves. Sind in bildender Kunst und Musik die Veränderungen bereits absehbar, so sind in der Literatur eher erste Ansätze und experimentelle Unternehmen festzustellen. So wird in der Literaturproduktion beispielsweise mit den Möglichkeiten der Hyperlink-Technik und damit der Loslösung des Textes von der Linearität experimentiert, wie auch mit den Möglichkeiten kollektiven Schreibens über Vernetzung bzw. die Verselbständigung von Texten im Netz. Noch kaum absehbar sind die Folgen der elektronischen Bereitstellung von Texten über Datenbanken bzw. CD-Roms für die Textrezeption und die Literaturwissenschaft. Um so notwendiger ist es, die Entwicklungen hier sehr sorgfältig und kritisch zu verfolgen. Auf der einen Seite droht die leichte Erschließung des Wortbestandes von Texten (verstärkt durch die dekonstruktionistische Lehre von der Selbständigkeit der Signifikanten), die hermeneutische Zugangsweise zu verdrängen. Auf der anderen Seite könnte die technische Verfügbarkeit von Texten es erheblich erleichtern, ihre intertextuelle Struktur sichtbar werden zu lassen.
[Zurück nach oben]Damit sind implizit schon eine ganze Reihe möglicher Arbeiten in diesem Schwerpunkt genannt worden. Es seien für alle drei Bereiche hier jeweils ein Beispiel genannt:
Die Entwicklung hin zu einer technischen Zivilisation wirkt auf Bildung in mehrfacher Hinsicht strukturierend:
Die durch den Technisierungsprozess ausgelösten oder zu erwartenden gesellschaftlichen Veränderungen werden oft als Übergang zur Informations- bzw. Wissensgesellschaft bezeichnet. Information und Wissen werden hierbei allerdings vorrangig als in Daten objektivierte Bestände verstanden. Die den Bildungsinstitutionen aufgetragene Qualifizierung zur Bewältigung der Anforderungen in einer Wissensgesellschaft zielt daher primär auf die Qualifizierung zum kompetenten Umgang mit den technischen Systemen der Informations- und Wissenspeicherung, eine Fähigkeit, die gelegentlich sogar in den Rang einer neuen, vierten Kulturtechnik erhoben wird. (Medienkompetenz
als Kulturtechnik für die Technikkultur?)
Zunehmend wird an Bildung die Erwartung gerichtet, sie möge die Subjekte zur Erschließung der technologischen Fortschrittspotenziale befähigen, wogegen das traditionelle Verständnis von Bildung als Erschließung und Entfaltung der in den Menschen selbst angelegten Potenziale zurücktritt. Dagegen wäre nach dem Anregungspotenzial der Technologie gerade auch für die Erschließung subjektiv-humaner Resourcen zu fragen: Kann Technik als materielles Bildungsdispositiv im Sinne einer den Horizont humaner Möglichkeiten sowohl begrenzenden als auch zugleich erweiternden Struktur verstanden werden?
Wenn Bildung sich zunehmend im kompetenten Umgang insbesondere mit Informations- und Kommunikationstechnologie zu bewähren hat, dann wird sich die zur Zeit abzeichnende digitale Spaltung
der Gesellschaft auf die, für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbare Forderung nach Gleichheit der Bildungschancen negativ auswirken.
Während sich im Zuge beschleunigter Dynamik des Technisierungsprozesses ein zunehmender Verlust an Steuerbarkeit sozialer Entwicklung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene abzuzeichnen scheint, werden an die Individuen, was z.B. die Fähigkeit zur Selbstregulierung betrifft, deutlich erhöhte Anforderungen gestellt. Der Rückzug sozialer Instanzen und Institutionen aus dieser Verantwortung wird auch in den Bildungsinstitutionen spürbar und erfährt durch die derzeitige Konjunktur konstruktivistischer Lerntheorien mit ihrer Betonung der Eigenverantwortlichkeit der weitgehend monadisch gedachten Lernenden für ihren Lernprozess eine Legitimation.
[Zurück nach oben]Mit diesem Schwerpunkt wird eine Zusammenarbeit zwischen Historiker(inne)n, Soziolog(inn)en und Ingenieurwissenschaftler(inne)n angestrebt, mit dem Ziel, wirklich interdisziplinäre Doktorarbeiten hervorzubringen. Das Thema ist nicht nur von aktueller sozialer und politischer Brisanz, sondern reflektiert neueste Entwicklungen in der Forschung. Dies hat sich nicht zuletzt durch das erfolgreiche call-for-papers
(66 Referatsangebote) gezeigt, die das Graduiertenkolleg, für die im März 2002 geplante Tagung Transforming Spaces – The Topological Turn in Technology Studies
erst kürzlich durchgeführt hat.
Im Laufe der Industrialisierung nahm der Investitionsbedarf für Transport-, Energie-, Kommunikations-, Wasser- und Abwassersysteme dramatisch zu (Kaufhold). Parallel dazu hat der flächendeckende Ausbau dieser Systeme zwar den Komfort der Bürger erhöht, aber gleichzeitig ihre Freiheitsgrade erheblich relativiert. Ein einmal initiierter, technisierter Infrastrukturprozess unterliegt immanenten und oft dauerhaften Sachzwängen, die von der Art sind, dass sie einerseits durch Entwicklung und Bereitstellung neuer Technologien zur Lösung von Problemen beitragen, andererseits aber neue Probleme schaffen. Selbst ernst zu nehmende Alternativen zu den etablierten Systemen können sich nur schwer durchsetzen. Dabei sind im Sinne des Graduiertenkollegs unter technischen Infrastruktursystemen materielle Dispositive zu verstehen, die gesellschaftliche Verhältnisse sowie das Verständnis des Menschen zu sich selbst, zur Natur und Technik prägen. Oft werden aus Fehlern vorangegangener Entwicklungen die Herausforderungen von heute sowie aus Fehlentwicklungen von heute die Aufgaben künftiger Generationen. Am Beispiel städtischer Infrastruktursysteme lässt sich m.a.W. das in der Technikforschung zentrale Thema unvorhergesehene Auswirkungen
gut behandeln. So scheint die Verbreitung dieser Systeme mehr oder weniger ungewollt zur Ausgrenzung schwächerer Gruppen geführt zu haben.
Gezielt werden z.B. heute neue Informations- und Kommunikationstechnologien zur Herstellung sozial homogener Räume eingesetzt. Die massenhafte Installierung von Überwachungskameras in öffentlichen Räumen (Marktplätze, Bahnhöfe, Einkaufszentren) dient zunächst der simulierten Überwachung
(Bogard), um marginalisierte und unterprivilegierte Gruppen vom Ort fernzuhalten, wird jedoch heute auch im panoptischen Sinne der Überwachungsstation genutzt (Ronneberger). Die elektronisch vernetzte Überwachungstechnologie erzeugt zusammen mit Telekommunikationstechnologien ein materielles Dispositiv, welches die Privatisierung des städtischen, öffentlichen Raums (bei gleichzeitiger Veröffentlichung des privaten Raums) vorantreibt und festschreibt.
Anders ausgedrückt: Es gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Technisierung der Stadt und der sozialen Ausgrenzung und Differenzierung. Diese Relation zwischen städtischer Infrastruktur und Wohnqualität bzw. urbaner Lebensform, ablesbar etwa an sozialer Segregation, Grundstückspreisen oder politischem Verhalten soll detailliert untersucht werden. Die Technisierung der Stadt hat etwas durchaus Zweischneidiges an sich: sie wird ebenso herbeigewünscht wie verteufelt, je nachdem welche Nebenwirkungen sie hat. Die Überwachung öffentlicher Räume findet große Zustimmung auf der Basis der Annahme, dass stets andere Objekt der Beobachtung sind. Damit ist die Akzeptanz technischer Lösungen in ein labiles Netz sozialer Aushandlung eingewoben. Wer es sich leisten kann, entzieht sich den Zumutungen durch die Technisierung durch Um- bzw. Wegzug oder versucht mit eigentlich unstädtischen Bau- und Wohnformen (Gartenstädte, Reihenhaussiedlungen usw.) eine Barriere ländlicher Idylle gegenüber der dann als übertechnisiert empfundenen Stadt zu errichten.
Mit diesem Prozess verbunden ist die aktuell in europäischen Staaten zu beobachtende politische Bestrebung, über lange Zeit gewachsene und im Bewusstsein der Gesellschaft tief verankerte Aufgaben staatlicher Institutionen in Frage zu stellen. Eine grundlegende Frage dazu ist, ob die bisherigen Entwicklungen und der Stand der Infrastruktursysteme in unserer politisch, institutionell, ökonomisch, sozial und technisch höchst differenzierten und vernetzten Gesellschaft noch zeitgemäß wahrgenommen werden. Eine wissenschaftlich breit und fachübergreifend tief vorgenommene Analyse und Bewertung von Infrastruktursystemen kann mögliche historische Fehlentwicklungen und deren spezifische Randbedingungen aufzeigen, die zu ihrem Entstehen geführt haben. Darüber hinaus könnten evtl. künftige Fehlentwicklungen im Sinne des Erhaltens bestehender und des Schaffens neuer Entwicklungsmöglichkeiten für Mensch und Natur in der Stadt vermieden werden.
Betrachten wir die genannten Systeme als materielle Dispositive
, die auf der einen Seite neue Möglichkeitsräume eröffnen, aber auf der anderen Seite unsere Freiheiten eingrenzen, dann erscheint die technisierte Stadt und ihre verschiedenen Räume als ein außerordentlich fruchtbares Forschungsfeld. Ein Fokus auf das Städtebauwesen (im weitesten Sinne) und das urbane Leben lässt uns die Tragweite des Dispositivbegriffes, wie sie im theoretischen Teil des Antrages dargestellt wird, an Hand mehrerer empirischer Studien prüfen. Innerhalb des Rahmens dieses Schwerpunktes sollen solche Studien gefördert werden, die mit Hilfe von sozial-, geistes- oder ingenieurwissenschaftlichen Methoden an die folgenden Themen anknüpfen:
Dieser Schwerpunkt wird einen nahen Bezug zum ESF-finanzierten Netzwerk Tensions of Europe
sowie zum Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte
entwickeln. Er ersetzt den Schwerpunkt des vorherigen Antrages, Technisierung des Alltags: Mechanisierung des Haushalts und Hygienisierung der Gesellschaft
, führt ihn allerdings in zwei Hinsichten weiter. Erstens wird der Begriff Alltag
auf das städtische Leben im 19. und 20. Jahrhundert begrenzt; zweitens wird ingenieurwissenschaftliche Kompetenz hinzugezogen. Dies geschieht, ohne dass schon angefangene Studien, etwa zur Geschichte der Haushaltshygiene in urbanem Kontext, irrelevant werden. Zwei von den neu kooptierten Mitgliedern der Hochschulleher(innen)gruppe, Frau Löw als Professorin für Stadt- und Raumsoziologie und Herr Urban als Professor mit Siedlungswasserwirtschaft als Spezialgebiet, werden maßgeblich zu diesem Schwerpunkt beitragen.
Die Arbeit in ihren individuellen und gesellschaftlichen Bezügen ist einer der zentralen Bereiche gegenwärtiger Technisierung. In wachsenden Proportionen innerhalb der einzelnen wie in der gesellschaftlichen Arbeit wird sie zu Informations-
oder zu Wissensarbeit
. Das Verhältnis dieser informatorischen Komponenten und der neuen Formen und Inhalte von Wissen zu der Ausdehnung des Dienstleistungssektors ist theoretisch wie empirisch nicht zureichend geklärt: Haben wir es mit einer neuen Qualität von Dienstleistungen, also einer neuen Welle der informationsorientierten Dienstleistungsgesellschaft, zu tun, oder löst ein netzwerkförmig organisierter Typus von Informationsarbeit die traditionelle Dienstleistungsarbeit ab? Die hier vertretene Hypothese lautet, dass das klassische Normalarbeitsverhältnis
erodiert und in der Tendenz durch neue Formen flexibler Arbeitsbedingungen in biographischer, zeitlicher, räumlicher und institutioneller Hinsicht substituiert wird; diese Veränderungen werden erst durch den breiten Einsatz der Informations- und Kommunikationstechniken möglich und befördert; zugleich scheint jedoch die zunehmende Bedeutung des Wissens, neue Anforderungen an die Integration der Subjektivität in die organisatorischen Prozesse zu begründen. Dieses neuartige Verhältnis von Information und Wissen in der Unternehmensorganisation scheint sich als neues Dispositiv für das Verhältnis von Individuum und Organisation herauszubilden. In sozialstruktureller Dimension geht diese Entwicklung mit deutlichen Tendenzen zur Polarisierung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Spreizung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen sowie der Einkommens- und Vermögensverteilung, mithin grundlegender Parameter der sozialen Chancen der Individuen einher. Dies zeigt sich am oberen Ende der sozialen Hierarchie als deutliche Zunahme der Privilegien der Wirtschafts- und Machteliten.
Ebenso ist der qualitative Wandel der Arbeit durch die Informatisierung aller Arbeitsbereiche bislang nicht angemessen thematisiert: Offensichtlich ist, dass mit der Informatisierung zum einen eine Ausdehnung abstrakterer Arbeitsanforderungen, zum anderen eine Erhöhung der qualifikatorischen Voraussetzungen der Arbeitstätigkeit sowie die Höherbewertung ihrer Wissensbestandteile einhergehen; wie diese Momente sich allerdings zu den ebenfalls deutlich wichtiger gewordenen Anforderungen an die subjektiven Anteile der Arbeitsanforderungen und der Arbeitsleistung verhalten, bleibt ungeklärt. Die Thesen, die in der Literatur entwickelt worden sind, reichen hier von der Reduzierung von Subjektivität durch die Technisierung des Subjekts
auf das periphere Individuum
, über die Corrosion of Character
(Sennett) bis hin zur Diagnose eines neuen Aufschwungs der Individualität im Zuge der Erosion tradierter Sozialbezüge oder – emphatischer – der Erwartung einer Befreiung der Subjektivität zu autonomer Individualität durch die Ausbreitung der Informationstechnik. In den Arbeiten des Kollegs soll der Hypothese nachgegangen werden, dass für die künftige Rolle des Subjekts in Arbeit und Organisation seine Verfügung über und seine Fähigkeit des Umgangs mit Wissen von entscheidender Bedeutung ist. Denn die Transformation von Information in Wissen und der damit verbundene Umgang mit einer wachsenden Informationsfülle bleibt an subjektive intellektuelle Leistungen gebunden und bildet dadurch ein Gegengewicht gegen die Tendenzen zur Entsubjektivierung in modernen Organisationen.
Im Zuge der neuen Rolle der Informations- und Kommunikationstechniken seit Beginn der achtziger Jahre und der ökonomischen und politischen Globalisierung lässt sich ein tiefgreifender Wandel von Organisationsformen in allen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Das Paradigma der netzwerkförmigen Organisation hat Analytiker der Gegenwartsgesellschaft mit wachem Blick auf die Bedeutung von Technisierungsprozessen veranlasst, dieser Entwicklung in Gestalt der network society
(Castells) gesellschaftsprägende Bedeutung zuzusprechen. Gleichwohl ist hier bislang schwer unterscheidbar, was gedankliche Vorwegnahme und was Realität ist. Die faktische Entwicklung von Organisationen – und damit die Frage, inwieweit sie zugleich von anderen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen geprägt ist als denen der Technisierung, oder inwieweit tatsächlich die Virtualisierung von Organisation die dominierende Tendenz ist – ist weitgehend unerforscht. Die Arbeiten des Kollegs orientieren sich an der Vermutung, dass sich nicht nur in den neuen informationstechnisch gestützten Dienstleistungsbereichen, sondern auch in traditionellen Produktions- und Verwaltungsbranchen Formen virtueller Organisation ausbreiten werden. Diese Organisationsformen sind zum einen – wie erwähnt – verstärkt auf die Inanspruchnahme der Subjektivität ihrer Mitglieder angewiesen; zum anderen zielen sie – so der zweite Teil dieser Hypothese – auf eine neue, bis an das Individuum heranreichende Unmittelbarkeit von Ökonomie im organisationalen Alltagshandeln. Die Integrität und die Grenzen von Organisationen basieren damit verstärkt auf der neuen technischen Grundlage – oder, anders ausgedrückt, werden von neuen materiellen Dispositiven geprägt –, sind gesellschaftlich aber im wesentlichen ökonomisch definiert.
Netzwerkgesellschaft
Obgleich im Graduiertenkolleg vornehmlich Technik in ihrer Bedeutung für Phänomene behandelt wird, die traditionell den Geistes- und Sozialwissenschaften angehören, wird doch auch immer die Technik selbst Thema sein müssen. Zumindest gilt es zu prüfen, ob mit der neuen zivilisatorischen Rolle der Technik eine Rückwirkung auf Techniktypen zu erwarten ist. Eine Hauptthese des Graduiertenkolleg wäre hier das Vordringen von Unbestimmtheit in der Technik. Auch die Technik, die lange Zeit als Synonym für Eindeutigkeit und Exaktheit, konstruktive Transparenz und Funktionalität gegolten hat, (die, weil man die realen Mechanismen kannte, in allen Teilen als plan- und kontrollierbar galt), sieht sich heute auf verschiedenen Ebenen mit Fragen ihrer Unbestimmbarkeit konfrontiert. Indeterminiertheit, Unberechenbarkeit, Ambivalenz, evolutionäre Risiken, Nebenfolgen, Akzeptanzprobleme sind nur einige Stichworte, die das Reflexiv- und Unbestimmtwerden der Technologieentwicklung begleiten. Sie betreffen die Technologien selbst wie ihre zufünftigen Folgen.
Im Rahmen des Graduiertenkolleg sollen vornehmlich zwei Aufgaben bearbeitet werden: erstens, Begriffe und Modelle der Technologieentwicklung zu konzipieren, die diesen Veränderungen Rechnung tragen und so ein insgesamt realistisches Bild von Technik zeichnen; zweitens, zu untersuchen, wie auf den verschiedenen Gebieten die Menschen selbst mit den aus der technischen Entwicklung resultierenden Unsicherheiten und Spannungen umgehen.
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