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Graduiertenkolleg
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*1973 in Darmstadt. Studium der Fächer Philosophie und Germanistik an der TU Darmstadt von 1994 bis 2003. Mehrere Semester studentische Hilfskraft. Mitarbeit als Sekretär bei dem 13. Darmstädter Gespräch 2001 „Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts“. Magisterabschluss in der Philosophie zum Thema „Aspekte negativer Moralphilosophie bei Adorno und Derrida“. Stipendiat des Graduiertenkollegs „Technisierung und Gesellschaft“ an der TU Darmstadt von 04/2003 bis 04/2006. Lehrtätigkeit zu Grundfragen der Technikphilosophie am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Seit 04/2005 Redakteur der Rubrik „Performativität“ bei der Online-Zeitschrift „Sic et Non. zeitschrift für philosophie und kultur. im netz.“. Neben der Gesellschaftstheorie und Technikphilosophie liegen die Interessensschwerpunkte in den Bereichen der Politischen Philosophiesowie der Ästhetik und der Sprachphilosophie. Thematische Bezugspunkte: Deutscher Idealismus, Kritische Theorie, Psychoanalyse und Poststrukturalismus.
E-Mail: ziegler@ifs.tu-darmstadt.de
[Zurück nach oben]Mein Dissertationsprojekt untersucht die unterschiedlichen Rollen und Funktionen
der Einbildungskraft im Prozess der Technisierung der Gesellschaft.
Motiviert wird die Arbeit durch ein praktisch-philosophisches Erkenntnisinteresse.
Es geht dabei hauptsächlich um Fragen nach der Produktion zeitgenössischer
Perspektiven auf Selbst, Gesellschaft und Welt im Bilde der Technik.
Die oft unterstellten Wechselwirkungsverhältnisse von Wissenschaft und
Technik mit ökonomischen, politischen, ethischen und sozialen Prozessen
lassen sich vor allem an den Entwicklungen der sog. „Schlüsseltechnologien
des 21. Jahrhunderts“, den Bio- und Neurosciences, der Nanotechnologie
sowie den Informations- und Kommunikationstechnologien ablesen. Gleichgültig,
ob es sich um die Informatisierung der Arbeits- und Lebenswelt, die
Kontrollierung und Nutzbarmachung der physischen Wirklichkeit im Nanometerbereich
einzelner Atome, die neurologischen Manipulationsversuche des psychischen
Innenlebens oder um die gentechnisch präparierten Bakterien-Maschinen
der Lebenswissenschaften handelt, stets vollzieht sich mit der naturwissenschaftlich-technologischen
Durchdringung von bios und physis auch eine Veränderung im symbolisch-imaginären
Gefüge des Sozialen.
Mich interessiert hier vor allem der Umstand, dass Technik in diesen
Prozessen zur Schaubühne der menschlichen Einbildungskraft gestaltet
wird. Beginnend mit Aristoteles Lehre der Seelenvermögen wird die Phantasie
bis in die Moderne hinein hauptsächlich unter einer subjektphilosophisch
orientierten zweifachen Doppelperspektive aufgefasst und bewertet: 1.
Mit Phantasie wird sowohl die Tätigkeit des Imaginierens als auch die
Fähigkeit zur Imagination bezeichnet, sie wird stets mit dem besonderen
Bild oder Abbild und der allgemeinen Vorstellungs- oder Einbildungskraft
identifiziert. 2. Das Phantasiebild kann ein richtiges Bild der Wirklichkeit
repräsentieren oder es kann, als ‚bloße Phantasie’, falsche Bilder,
Trugbilder für das Subjekt erzeugen, Halluzinationen, Traum- und Wunschbilder,
unwirkliche Bilder, Bilder ohne repräsentationalen Gehalt in der außersubjektiven
Wirklichkeit.
Die paradoxale Doppelstruktur der Phantasie radikalisiert sich im Durchgang
durch die Moderne und führt letztlich zu einer Verabschiedung des subjekttheoretisch
gerahmten Repräsentationsparadigmas: Zum einen erzeugt die Einbildungskraft
eine Reihe wild wuchernder Diastasen: Sie reichen von der Vertiefung
und Verinnerlichung des Subjekts bei gleichzeitiger Weltentleerung und
der sich aporetisch entfaltenden Struktur von Weltbindung und Weltflucht
(W. Schulz) über das Auseinanderklaffen von Lebenszeit und Weltzeit
(H. Blumenberg) bis hin zu den vielfältig in sich gebrochenen Beziehungen
zwischen Lebenswelt und wissenschaftlich fundiertem Spezial- und Expertenwissen.
Zum anderen braucht es gerade die Einbildungskraft, um die konstitutiven
Risse moderner Subjektivität durch ein Identität stiftendendes „Fundamentalphantasma“
(J. Lacan und S. Žižek) zu überbrücken. Die Einbildungskraft wird von
der Moderne daher sowohl als eine synthetisierende Kraft (I. Kant) verstanden,
stellt aber in ihrer ex-zentrischen Gestalt als „Nacht der Welt“ (G.W.F.
Hegel) gleichzeitig auch dessen aporetisches Supplement dar. Vor dem
Hintergrund eines solchen Szenarios geht es dem Promotionsprojekt darum,
die entgrenzte Einbildungskraft mit der „entfesselten Technik“ (B. Waldenfels)
in eine starke Kommunikation treten zu lassen. Leitfragen dabei sind
u.a.: Worin liegt die sinnerzeugende Kraft des „Techno-Imaginären“ (V.
Flusser)? Artikuliert sich in der vermuteten Performativität der „Technosciences“
(B. Latour und D. Haraway) eine neue Form schöpferischer Einbildungskraft?
Welches intersubjektive, sozio-technologische Rationalitätskonzept wird
hierbei sichtbar? Wo sind dessen normative Gehalte aufzusuchen?
Die Ausgangsthese besagt, dass zeitgenössische Technisierungsprozesse
ohne die Mitwirkung der Einbildungskraft gar nicht denkbar sind. Den
methodischen Ansatzpunkt bilden dabei poststrukturalistische Ansätze.
Die theoretischen Provokationen Baudrillards (Hyperrealität), Flussers
(Nulldimensionalität der Wirklichkeit), Debords (Wirklichkeit als Bild)
und Virilios (Beschleunigung der Wahrnehmung) werden mit aktuellen theoretischen
Leitkonzepten der Technisierung (Hybrid, Vernetzung, Medialität, Dispositiv,
Unbestimmtheit und Performativität) konfrontiert.
Darüber hinaus werden Konzepte diskutiert, die auf ein dialektisches
Verhältnis zwischen dem Imaginären, Symbolischen und Realen abzielen.
Reflexivitäts-, Negativitäts- und Unbestimmtheitserfahrungen in der
Bestimmung von Einbildungskraft und ihrer Technisierung kommen hierbei
besondere Bedeutung zu.
Dem Phänomen der Einbildungskraft lässt sich aus mindestens fünf eigenständigen
Perspektiven näherkommen: 1. Die Einbildungskraft als anthropologische
Größe (als Vermögen des Menschen zur Abstandnahme – Abstraktion – und
zur eigenständigen Verbindung von bislang Disparatem – Synthese –, als
Erinnerungsvermögen, als Fähigkeit zum Gedankenexperiment, als Antizipation
von zukünftigen Ereignissen); 2. Die Ästhetik als der traditionelle
Ort der theoretischen Reflexion über die Einbildungskraft (Einbildungskraft
als Vermittlungsinstanz zur Erklärung des Schönen und Erhabenen); 3.
Die erkenntnistheoretische Rolle der Einbildungskraft beim Fällen von
Urteilen (Einbildungskraft als das Vermögen, einen Gegenstand der Welt
einem Begriff zuzuordnen); 4. Die Einbildungskraft als eine gesellschaftliche
Gestaltungskraft (soziale Phantasie, utopisches Bewusstsein); 5. Einbildungskraft
als subjektivierende Kraft (Einbildungskraft als eine Lücke im Subjekt,
die das Subjekt ex post konstituiert, Struktur des Selbstbewusstseins
bei Hegel, Fundamentalphantasma der Psychoanalyse).
Eine Arbeit, die Fragen nach der Technisierung der Einbildungskraft
nachgeht, lässt sich durch alle diese Perspektiven hindurch stellen.
Insofern handelt es sich um eine parasitäre Fragestellung, die sich
in ihr fremden Konzepten einnistet, sich von ihnen speist, ihnen aber
auch ein neues Aussehen zuspricht.
Der wesentlich unbestimmt bleibende Charakter der Technisierung weist
in diesem Zusammenhang zumindest drei Deutungsformulare von sich: 1.
Der Prozess der Technisierung lässt sich nicht allein durch eine Erklärung
der Techniken, Technologien und der technischen Artefakte bewerkstelligen,
wie wohl ohne sie von einer Technisierung keine Rede sein kann (Ablehnung
eines Technikdeterminisums); 2. Deutungen der Technisierungen, die auf
ein subjektphilosophisches Vokabular rekurrieren, erscheinen ebenfalls
als zu kurz gegriffen, da sich ihnen konstitutiv das blinde Gewaltmoment
entzieht, mittels welchem Subjekte durch Technisierungsschübe allererst
geformt werden (Ablehnung eines Techniksubjektivismus); 3. Pragmatische
Perspektiven auf die Technisierung tendieren dazu, dem sowohl transzendentalen
als auch immanenten Unbestimmtheitscharakter sozio-technischer Prozesse
nur unzureichend Rechnung zu tragen (Ablehnung eines Pragmatismus als
letzter – theoretischer, normativer – Zufluchtsort vor den ‚neuen Unübersichtlichkeiten’
des Technisierungsprozesses).
Gegenüber diesen Ansätzen zeigt die Arbeit die Notwendigkeit auf, die
heutigen Formen der Einbildungskraft als zugleich symbolisch und technisch
vermittelt aufzufassen. Gleichzeitig kann dies nur gelingen, wenn die
zu Tage tretende Materialität konkreter Technisierungsprozesse nicht
ontologisiert, sondern vielmehr unter Einbezug eines konstitutiven Moments
des Unbestimmten auf normative Gehalte hin befragt wird.
Die Ergebnisse der Arbeit haben Relevanz sowohl für eine zeitgenössische Theorie der Einbildungskraft als auch für Fragestellungen der Technikphilosophie. Aus der wechselseitigen Konfrontation technikphilosophischer und imaginationstheoretischer Ansätze werden Zugänge zu brisanten Fragen nach der Kreativität, der Innovation sowie dem Neuen eröffnet. Sie bieten neue Einblicke in menschliche Selbstverständigungspraktiken wie Kultur, Wissenschaft und Medien. Die Ergebnisse der Arbeit sind vor allem im Umfeld einer praktischen Philosophie von Bedeutung, die nach den Quellen der Normativität menschlicher Selbstverhältnisse fragt.
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