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Graduiertenkolleg
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Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Publizistik an den Universitäten Münster und Barcelona. 1995-98 Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes und Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Münster. 1998 Promotion im Fach Geschichte ("Geschichte im Zeichen der Erinnerung"). 1998-2001 Berufstätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin zunächst am Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim, dann beim Cusanuswerk, Bischöfliche Studienstiftung. Von April 2001 bis Juni 2005 Habilitationsstipendium der Dr. Meyer-Struckmann-Stiftung (unterbrochen durch Kinderzeiten), seit Juli 2005 Forschungsstipendium der Gerda Henkel Stiftung. Koaptiertes Mitglied des Konstanzer SFB "Norm und Symbol". Veröffentlichungen zu Themen Erinnerung/Gedächtnis,Geschlechtergeschichte, Körper, Psychotechnik.
E-Mail: patzel.mattern@web.de
[Zurück nach oben]Technische Artefakte, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Leben und Denken der Menschen nachhaltig prägen, schaffen durch ihre Existenz und Anwendung eine eigene Wirklichkeit, innerhalb derer der Mensch sich positionieren muss. Wie dies geschehen sollte, war historisch immer wieder umstritten.
Die Psychotechnik, die ihre Hochzeit in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland erlebte, war ein Versuch, dieses Gestaltungsvakuum zu füllen. Aus der experimentellen Psychologie des 19. Jahrhunderts hervorgegangen (und mündend in der Arbeits- und Organisationspsychologie des späten 20. Jahrhunderts) versteht sich die Psychotechnik als Anwendungsdisziplin, deren Aufgabe die "Wegweisung für psychologische Einwirkung" (William Stern) ist. In der Praxis findet sehr schnell eine Präzisierung des Aufgabenfeldes statt. Die Psychotechnik kommt vor allem in der Industrie zum Einsatz. Sie entwickelt Verfahren zur Feststellung beruflicher Eignungen, zur Optimierung des Mensch-Maschine-Verhältnisses, zur Gestaltung von Unfallverhütungsmaßnahmen und zur praktisch-technischen Wiedereingliederung von Kriegsversehrten in den Arbeitsprozess.
Das Forschungsprojekt, das kurz vor seinem Abschluss steht, untersucht am Beispiel verschiedener Industrieunternehmen (als Wichtigste hinsichtlich der überlieferten Bestände sind zu nennen: AEG, Krupp, Loewe, Mannesmann, MAN, Siemens, Thyssen, Carl Zeiss) die Rolle der Psychotechnik bei der Individualisierung industrieller Verhältnisse – zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Vorgesetztem und Mitarbeiter, Mensch und Maschine. Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Annahme, dass mit dem Einzug der Psychologie in das Wirtschaftsleben ein erheblicher Modernisierungsschub verbunden war. Der Einzelne wurde zum Maßstab industrieller Maßnahmen und Entscheidungen. Damit wendet sich die Arbeit gegen Vorstellungen, die die Psychotechnik vor allem als Normierungsinstrument verstehen. Sie kann vielmehr als wesentlicher Bestandteil einer sich modernisierenden, internen Unternehmenskultur interpretiert werden, die basierend auf rationalen Kriterien Transparenz und Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Gruppen im Unternehmen schaffen will. Durch ihren wissenschaftlichen Argumentationszusammenhang bietet die Psychotechnik hierfür einen Diskursrahmen, der gleichermaßen von der Arbeiterschaft (Gewerkschaften) wie den Unternehmensleitungen anerkannt wird.
Zwar scheitert die Psychotechnik wissenschaftlich ebenso wie in der industriellen Praxis an internen Querelen und unwissenschaftlichen Anwendungen. Schon Ende der zwanziger Jahre verliert sie an praktischer Bedeutung, um ihr endgültiges Aus dann im Nationalsozialismus zu finden, der sie der Rassenideologie unterordnet. Dennoch darf das Potential der Psychotechnik nicht unterschätzt werden. Sie versucht die Auswahl von Arbeitskräften auf nachprüfbare, wissenschaftliche Kriterien zu gründen, erkennt die Bedeutung der Interaktion von Mensch und Maschine im Sinne eines Miteinanders und führt psychologische Aspekte in die Organisation des innerbetrieblichen Alltags ein. In diesem Sinne wirkt sie modernisierend auf die unternehmensinterne Gestaltung industrieller Arbeitsverhältnisse ein.
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